Bild: Stolpersteine

Wieder Stolpersteine in Ilmenau



Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2010 - Eintrag im Ehrenbuch der Stadt Ilmenau

Der Künstler Gunter Demnig kam am 29. Mai 2010 zum dritten Mal nach Ilmenau um "Stolpersteine" für die Brüder Zink und Wilhelm Völlkopf zu verlegen.

Gunter Demnig hat inzwischen mehr als 22 000 Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus verlegt. In über 530 Städten und Gemeinden, nicht nur in Deutschland, auch europaweit legt er seine Spur GEGEN DAS VERGESSEN. Budapest, Paris, Rom; Belgien, Tschechien, Polen, die Niederlande, auch Braunau in Österreich sind Stationen seiner Arbeit, sind Orte, die das Erinnern an ihre Opfer als Teil ihrer Geschichte annehmen.


Auch dieses Mal gestalteten wieder Schüler die Zeremonie mit, Schüler der Karl-Zink-Schule. Bisher war unser Anliegen, vor allem Schüler/innen in die Thematik der Stolpersteinlegung einzubeziehen. So erstellten 2007 Schülerinnen beider Ilmenauer Gymnasien eine Fotodokumentation. 2008 gestalteten Schüler/innen der Goetheschule das Programm und bereiteten selbst ihre Recherche dazu vor. Es gab Seminarfacharbeiten, Kontakte zur Uni, Führungen entlang der Stolpersteine zu Gedenktagen, für Schulklassen, u.a. der Pestalozzischule, und andere Interessierte. Die Stolpersteingruppe der Goetheschule hat sich die Gestaltung eines Flyers vorgenommen.
Unser Anliegen für eine Sensibilisierung der Thematik und eine Auseinandersetzung damit hat durch unsere Tagespresse weitere Unterstützung erfahren, vor allem durch Leserbriefe, die wiederum unsere Recherche bereichern und nicht zuletzt ein erfreuliches Signal für echte Bürgerbeteiligung sind.

Gunter Demnig begann um 10 Uhr vor der Pfortenstraße 21 mit der Verlegung der Steine für Karl und Walter Zink. Dort steht das ehemalige Wohnhaus der Familie Zink.
Beide Söhne, Karl und Walter, wurden Opfer der nationalsozialistischen Justiz und mussten ihr politisches Engagement auf unterschiedliche Weise mit dem Tode bezahlen.

Karl Zink galt als führender Widerstandskämpfer im Kreis Ilmenau. Er wurde 1910 in Zella-Mehlis als erster Sohn von Gustav und seiner Frau Anna Zink geboren. Die Familie zog 1917 nach Ilmenau, in das Haus in der Pfortenstraße, wo der Vater seine Werkstatt als Büchsenmacher betrieb. Nachdem die Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnten, musste Karl die Realschule verlassen. Er begann in der väterlichen Werkstatt eine Ausbildung. Es gelang jedoch, dass Karl einen Abschluss auf einer privaten Handelsschule machen konnte. Auch hier erwies er sich als ausgesprochen guter Schüler.
Der väterliche Betrieb konnte in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise und Inflation nicht bestehen und ging in Insolvenz. Daraus entstanden Schulden und die Arbeitslosigkeit des Vaters. Die Familie war auf laufende Unterstützung durch die Stadt angewiesen, die im übrigens verzinst zurück zu zahlen war. Es begann ein sozialer Abstieg auch für die Familie Zink. Diese Erfahrungen und der Einfluss des Großvaters, der ihn mit Literatur der Arbeiterbewegung versorgte, mögen Karl dazu bewogen haben sich politisch zu engagieren. Das führte dazu, dass er 1931 der Kommunistischen Partei Deutschland beitrat. Nach deren Verbot arbeitete er weiter und ging somit in die Illegalität.
Im Jahre 1935 erfolgte die erste Verhaftung Karl Zinks. Wegen Hochverrats und illegaler Fortführung der KPD wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Mutter lebte inzwischen mit dem jüngeren Bruder Walter allein, der Vater war noch während der Haftzeit 1935 verstorben.
Auch diese Erfahrung hinderte Karl nicht daran, nach seiner Haftentlassung weiterhin für den politischen Widerstand zu arbeiten. Im Raum Ilmenau wurde eine Gruppe aufgebaut, die Kontakte zu anderen Thüringer Widerstandsgruppen hielt. Vor allem Karl und Walter wird die Herstellung von Flugblättern gegen drohenden Krieg und Faschismus zugeschrieben. Daneben wurde auch eine illegale Zeitschrift verbreitet.
Am 1. September - mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen war gerade der 2.Weltkrieg angefacht worden - wurde die gesamte Widerstandsgruppe verhaftet. Karl direkt von seinem Arbeitsplatz in der damaligen Maschinenfabrik Schmidt & Co.
Ein Denunziant hatte sie bei der Gestapo verraten.
Am 18. Juni 1940 erging das Urteil vor dem berüchtigten Volksgerichtshof in Plötzensee. Wegen "Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit landesverräterischer Begünstigung des Feindes" wurde Karl zum Tode und zu dauerhaftem Ehrverlust bestraft. "Die Kosten des Verfahrens tragen die Angeklagten. Von Rechts wegen."
Die Hinrichtung durch Enthauptung fand am 6.September 1940 statt. Sie war nicht nur für die Ilmenauer Bevölkerung im Nachrichtenblatt "Die Henne" nachzulesen, sondern an Litfaßsäulen des ganzen Reiches.

Walter Zink, 1918 in Ilmenau geboren, war der um acht Jahre jüngere Bruder von Karl. Auch er galt als guter Schüler. Nach der Volksschule besuchte er die Thüringische Landesfachschule für Glasinstrumententechnik (Glasfachschule) am Wallgraben (dem heutige Amtsgericht). Dort wurde er zum Mechaniker ausgebildet. 1937 fand er eine Anstellung bei der Luftwaffenerprobungsstelle in Rechlin / Neustrelitz. Im Oktober 1938 kehrte Walter nach Ilmenau zurück und begann ein Ingenieur-Studium am hiesigen Technikum. Während eines Praktikums bei der Fa. Carl Zeiss in Jena wird er ebenfalls am 1. September 1939 verhaftet.
Zusammen mit seinem Bruder und Georg Link aus Manebach steht er vor dem Volksgerichtshof in Plötzensee. Für ihn lautet das Urteil wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" auf 5 Jahre Zuchthaus einschließlich Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für diese Zeit. Die 9monatige Untersuchungshaft sollte dabei angerechnet werden. Georg Link sollte lebenslänglich hinter Zuchthausgitter und ebenfalls die Ehrenrechte verlieren.
Nachdem Walter seine Haft verbüßt hatte, wurde er jedoch nicht entlassen, sondern der Gestapo in Weimar überstellt. Die Mutter wartete vergebens. Als so genannter "Schutzhäftling" wurde er erneut inhaftiert und musste in das Konzentrationslager Flossenbürg. Vorübergehend war er einem SS-Sonderkommando unterstellt und in Plauen i.V. einer Fa. Dr. Th. Horn als Arbeitskraft zugewiesen.
Wieder zurück im KZ Flossenbürg verlieren sich seine Spuren. Die Mutter erhielt auf vielerlei Anfragen widersprüchliche Antworten. Bis April schien er jedoch im Lager gewesen zu sein.

Befand er sich auf einem der Todesmärsche, unter den über 40.000 Häftlingen, die ab Mitte April Richtung Süden getrieben wurden? Sie sollten dem Zugriff der Alliierten entzogen werden. Stattdessen: chaotische Fußmärsche, offene Güterwaggons, SS-Bewacher, die ganze Gruppen von Gefangenen ermordeten, über 5.000 Leichen entlang der Marschrouten.

Blieb Walter zurück im Lager, bei den marschunfähigen 1.500 Gefangenen? Befreit von den US-Truppen am 23. April? Von denen anschließend noch viele starben.

Kann man ausschließen, dass er geflohen ist? Oder nach der Befreiung kräftig genug war um sich Richtung Heimat durchzuschlagen?
Ist es wirklich auszuschließen, dass er sich unter den Opfern einer marodierenden SS-Gruppe befand, die in der Nähe des Ilmenauer Waldtheaters ihr mörderisches Unwesen trieb? Unter den acht Opfern, die vor ihrer Verbrennung oder Beerdigung nie identifiziert wurden?
Weil es keinen interessierte?
Es bleiben viele Fragen um Walter Zink.

Von der Pfortenstraße ging es in die Burggasse. Dort hatte unter der Hausnummer 11 der Klempnermeister Wilhelm Völlkopf sein Wohnhaus und seine Werkstatt. Er kam 1899 nach Ilmenau und heiratete Emma Paulus, die Tochter des Klempnermeisters Paulus. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Karl und Kurt, die ebenfalls das Handwerk erlernten und später den väterlichen Betrieb übernahmen.
Wilhelm Völlkopf war engagierter Bibelforscher (später Zeuge Jehova genannt). Im April 1933 wurde diese Glaubensgemeinschaft verboten. Die Bibelforscher lehnten den Wehrdienst mit der Waffe ab, verweigerten jede politische Stellungnahme und somit auch den Hitlergruß.
Zunächst konnte er der Verhaftung entgehen. Es gab Vorwarnungen aus den Reihen der Polizei und somit glückte es mehr als einmal Unterlagen der Gemeinde bei einem hilfreichen Nachbarn über den Hof zu reichen und zu verstecken. Doch letztlich gelang der Gestapo die Festnahme und Wilhelm Völlkopf wurde zusammen mit dem Ilmenauer Schneidermeister Gustav Brüll im Konzentrationslager inhaftiert. An den Haftbedingungen psychisch gebrochen und erkrankt wurde er entlassen. Da sich sein Zustand nicht besserte, erfolgte nach kurzer Zeit, im Juni 1941 eine Einweisung in die ‚Heilanstalt' Hildburghausen. Dort verstarb er bereits am 24.9.1941 unter nicht endgültig geklärten Umständen. Wilhelm Völlkopf wurde somit nicht nur wegen seiner religiösen Überzeugung zum Opfer der Nationalsozialisten, sondern durchaus auch wegen seiner psychischen Erkrankung als Haftfolge.
Für Wilhelm Völlkopf wurde hier in der Burggasse ein Stolperstein verlegt.

Im Anschluss wurde Gunter Demnig mit einem Eintrag in das Ehrenbuch der Stadt Ilmenau im Rathaus geehrt.

Ute Bach und Hanne Nastoll


Weitere Fotos vom 29. Mai 2010 (werden in einem neuen Fenster geöffnet)