Bild: Stolpersteine

"Stolpersteine" in Ilmenau - 1. Aktion 2007



Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2007

Die erste Ilmenauer Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig fand am Dienstag, dem 22. Mai 2007 statt. Der Bildhauer verlegt seit 1997 in deutschen und jetzt auch schon in einigen europäischen Städten "Stolpersteine". Dies sind kleine, schlichte Betonwürfel mit Messingplatte darauf, eingelassen in den Bürgersteig. Sie erinnern vor den Häusern mit einer Inschrift an die Menschen, die dort während der nationalsozialistischen Diktatur gelebt haben und ermordet wurden. Gunter Demnig hat bereits mehr als 10.000 Steine am letzten frei gewählten Wohnort der Ermordeten gelegt.

Dieses Projekt eröffnet einen neuen Zugang zu unserer Geschichte. Das, was bisher für viele im Geschichtsunterricht durch Zahlen und Fakten belegt worden ist, kann jetzt durch die Aktion zu einem bewussteren Nachdenken über das Leben der Opfer führen. Es waren Menschen wie du und ich, an die mit den knappen Inschriften auf den Steinen erinnert wird. Es soll vor allem das Interesse junger Menschen an der Geschichte unserer Stadt geweckt werden.

Dr. Juliane Rauprich, Ute Bach, Wilhelm Bekos und Bernd Frankenberger haben das Projekt mit ihren umfangreichen Kenntnissen zur Geschichte Ilmenaus bisher begleitet. Auch die "Spurensuche - Fragmentarisches zur Geschichte der jüdischen Gemeinde" von Gerlinde Hoefert aus dem Ilmenau-Buch (1995) hat die Recherchen bereichert. Schüler des Goethegymnasiums arbeiteten mit der Arbeitsgruppe im Stadtarchiv zusammen. Drei von ihnen schreiben ihre Seminarfacharbeit zum Thema der Verfolgung im deutschen Faschismus.

Auf den ersten drei Ilmenauer Stolpersteinen in der Naumannstraße stehen die Namen einer Familie: Dr. Walter Eichenbronner, Flora Eichenbronner und Gisela Eichenbronner.
Giselas zehnter Geburtstag am 11. April (1932 geboren) lag noch nicht einmal einen Monat zurück, als sie am 10. Mai 1942 mit ihren Eltern und vielen anderen Ilmenauer Juden in das Ghetto Belzyce deportiert und damit in den Tod geschickt wurde.
Christine Spira und Gerlinde Hoefert aus der Arbeitsgruppe "Stolpersteine" übernahmen gemeinsam die Patenschaft über den Stein für Gisela Eichenbronner. Sie haben beide ebenfalls am 11. April Geburtstag. Prof. Peter Scharff, Rektor der Technischen Universität, hat ebenfalls eine Patenschaft übernommen und eröffnete die Aktion. Susanne Spira, Schülersprecherin des Goethegymnasiums, hat die Erinnerung an diese jüdische Familie wachgerufen.

Der zweite Verlegungsort ist die Schleusinger Allee (frühere Schleusinger Straße 22) hinter dem Hotel "Tanne", nicht weit vom "Tannenlädchen". Hier wurde der Stein für Emil Streiter verlegt. Emil Streiter fand zunächst bei seinem Zwillingsbruder Fritz Streiter, dem damaligen Kapellmeister der Stadt, vor den NS-Schergen Zuflucht. Emil war wie sein Bruder Musiker und außerdem Fotograf. Er wurde denunziert und gemeinsam mit seinem Bruder Fritz verhaftet, Beweise fand man keine. Emil wurde allein wegen defätistischer Äußerungen gegen Hitler und das Naziregime hingerichtet. Seine Denunziantin, eine "fanatische Nazi-Anhängerin", wie sie H. J. Weise in seinem TA-Artikel vom 26.01.2001 beschrieb, kam 1947 mit vier Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust vor dem Militärgericht mit dem Leben davon. Dr. Klaus Leuner äußerte sich dazu.

Es folgten vier Steine in der Straße des Friedens 23, vor dem ehemaligen Eichenbronnerschen Kaufhaus. Hier wird an den Kaufmann David Eichenbronner, seine Frau Mathilde, geb. Ortenberger, deren Tochter Marie Naumann und die Schwägerin von David, Mathilde, geb. Wesermann erinnert. David Eichenbronner wurde bereits 1934 in den Selbstmord getrieben. In diesem Jahr 1934 wurde sein Enkel Peter Naumann geboren.
Peter Naumann konnte seinen Großvater nie kennen lernen. Er ist der letzte Überlebende der Familie und lebt heute in Sao Paulo (Brasilien). Im Juni wird er nach Ilmenau kommen und dann den Stein für seine Mutter Marie Naumann an diesem Platz finden.

Der neunte Stein ist Sally Gabbe gewidmet. Er wurde am Mühltor, Ecke Mühlgraben, gegenüber der "Alten Försterei" verlegt. Sally Gabbe war Inhaber der Korsettfabrik. Er wurde mit anderen Ilmenauer Juden am 20. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sally Gabbes Hungertod wurde in den Akten vom KZ Theresienstadt am 23. April 1944 akribisch "registriert". Das Verhungern lassen als Vernichtungsmethode war politisches Kalkül in den Konzentrationslagern. Die Worte zur Erinnerung an Sally Gabbe sprach Ursula Nirsberger, Beigeordnete des Oberbürgermeisters Gerd-Michael Seeber.

Der Künstler und "Spurenleger" Gunter Demnig sagte zu Beginn der Aktion etwas zu seinem Projekt "Stolpersteine". Die Bläser der "Capella Juventa" begleiteten das Gedenken.

Text: Ute Bach, Hanne Nastoll, Christine Spira, Arbeitsgruppe "Stolpersteine"; Fotos: Stadtverwaltung Ilmenau



Weitere Fotos vom 22. Mai 2007 (werden in einem neuen Fenster geöffnet)